Moldotopia – ein Hoffnungsschimmer am Rande der EU?

Über das Lektorenprogramm der Robert Bosch Stiftung habe ich von 2007 bis 2009 an einer Universität in Chisinau unterrichtet. Von meinen Studierenden hatten die meisten vor, ins Ausland zu gehen und wollten mir zunächst nicht abnehmen, dass ich mich in Moldova wirklich wohl fühle. Auch meine Freunde aus Deutschland, die mich besucht haben, haben erst nach ein paar Tagen eine Ahnung davon bekommen, warum ich so von dem Ort geschwärmt habe.

Julian Gröger

Moldova besticht mit Übersichtlichkeit

Zugegeben, mit großen Highlights landschaftlicher oder architektonischer Art ist Moldova nicht beschenkt. Chisinau besticht auch vielmehr durch die Abwesenheit von „Wow-Effekten“. Es sind gerade die Schlichtheit, die übersichtlich kleinen Strukturen, das einfach-gute Essen und natürlich die lieben Menschen mit einem Menschenschlag, der für mich ein idealer Mix aus latino-rumänisch und pragmatisch-sowjetisch ist.

Für die in Moldova erfahrene Übersichtlichkeit war ich in dieser Zeit sehr dankbar. Schnell kannte man alle Wege in Chisinau, seine drei Trolleybusse und vier Rutiera-Linien. Nach dem vierten Empfang einer Botschaft kannte man auch beinahe alle Ausländer und Kulturschaffenden im Land und nach dem dritten Ausflug ins Umland konnte man auch schon über genau diese mitreden und Tipps weitergeben. So schnell wird man selten zum Experten. Außerdem sehe ich mittlerweile noch ein ganz anderes Potenzial in dieser Region schlummern.

Suche nach einem Ökotopia im Jahr 2040

Ernest Callenbach hat sich in den 70ern in seinem großartigen Zukunftsroman „Ökotopia“ eine Gesellschaft vorgestellt, in der Resilienz und Gemeinschaft gelebt wird. Natürlich hat er dafür zu seiner Zeit den Nordwesten der USA ausgesucht. Wo würde man heutzutage solch einen Ort der Zukunftsversprechungen hinverlegen? Wo könnte man sich bis 2040 einen tiefgreifenden Wandel zu wahrhaft nachhaltigen Lebensstilen vorstellen?

Es müsste wohl besser ein kleines Land sein, damit großartige Veränderungen schnell durchzusetzen sind. Das Land sollte gute Böden haben und viele Menschen, die etwas von Landwirtschaft verstehen. Es sollte nicht so stark industrialisiert und weniger in globale Stoffströme eingebunden sein und genug natürliche Ressourcen haben, um sich energetisch selbst zu versorgen. Vielleicht Österreich? Aber kann eine solche Utopie in der EU liegen? Und verbrauchen Österreicher nicht Stand 2017 viel zu viele Ressourcen?

Ich setze auf Moldova, oder unser Moldotopia, wie wir unsere Vision nennen. Auf der etwa gleichen Fläche wie Nordrhein-Westfalen leben fünf mal weniger Menschen. Die Voraussetzungen für einen Weg in Richtung Moldotopia 2040 sind 2014 folgende:

Gute Voraussetzungen für ein Moldotopia

Moldova hat sehr gute Böden. Zu Sowjetzeiten war Moldova mit Georgien der Obst- und Gemüsegarten. Leider sind auch dadurch nur noch 9% des Landes bewaldet. Die Menschen kommen mit weniger Energie und Konsum aus als wir Deutsche. Etwa 40% der Menschen beschäftigen sich mit Landwirtschaft, viele von denen betreiben Semisubsistenz. Moldova wurde zu Sowjetzeiten mit großindustriellen Plänen auch aus politischen Gründen verschont. Man hatte in Moskau befürchtet, dass sich der Landstrich irgendwann wieder Rumänien anschließen könnte. Diese geringe Industrialisierung wird bis 2017 noch als ein Nachteil für die wirtschaftliche Entwicklung gesehen, in unseren Augen wird sich dies schon bald zum Vorteil drehen. Energetisch ist man noch abhängig von russischem Gas, das Potenzial an Solar und Reststoff-Biomasse ist aber enorm. Die Menschen sind fast alle bilingual (Russisch-Rumänisch) und sehen das auch immer mehr als Vorteil, denn als Bürde. Sowohl die rumänische als auch die russisch-sowjetische Kultur ist mit all ihren Schätzen in Moldova verankert: literarisch, kulinarisch oder sprachlich.

Was ist jetzt aber Moldotopia? Moldotopia ernährt seine Bevölkerung von rein ökologisch erzeugtem, regionalem Anbau. Das Fahrrad ist das meist-benutzte Verkehrsmittel. In den Städten fahren einige Trolleybusse, über Land ist der Schienenverkehr elektrifiziert und gut ausgebaut. In den Städten gibt es überall kleine Nachbarschaften, die zusammen wohnen, arbeiten, essen und feiern. Viele Häuser sind aus regionalen Baustoffen. In Holz-Stroh-Lehm-Bauten sind Moldauer global geschätzte Experten. 40% des Landes sind bewaldet (derzeit nur 9%!), 10% Schutzräume ohne Eingriffe des Menschen. In der Landwirtschaft hat sich die Agroforstwirtschaft als gängige Praxis durchgesetzt. Erosion gibt es nicht, jedes Wasser ist trinkbar. Es herrscht das Gefühl der Fülle vor dem Gefühl der Knappheit, Kinder sind das höchste Gut, auf das die ganze Gemeinschaft aufpasst. Dies sind nur einige Aspekte von Moldotopia.

Graswurzel-Verein „EcoVisio“ als Vermittler und Vernetzer von Moldotopia

Wir von der moldauischen NGO „EcoVisio“ arbeiten gemeinsam mit jungen Menschen in Moldova an der Erfindung und Umsetzung der Vision von Moldotopia. Natürlich haben die meisten jungen Menschen eine andere Idee der Zukunft ihres Landes. Im politischen Streit geht es häufig um die Ausrichtung EU vs. Russland und ein Regionalstolz ist nicht sehr verbreitet. Man fühlt sich entweder Rumänien oder Russland verbunden und streitet sich um die Ausrichtung des Landes. Auch der Konflikt um Transnistrien stört die Konzentration auf die eigene Entwicklung.

Mit unserem Programm „activEco – Sustainability in action“ bringen wir eine oft neue Komponente hinein: Was wäre, wenn meine Zukunft hier bei uns in Moldova liegt und nicht in Rom, Berlin oder Moskau? Was wäre, wenn unsere Region bald Vorbild für andere sein kann? Die Voraussetzungen sind da und es kommen in jedem Jahr etwa 30 Absolventen des Programms hinzu, die Multiplikatoren für Moldotopia werden. Wir sind im Jahr 2017 und die Kraft der Vision und die Energie junger Menschen kann uns schnell dem Moldotopia 2040 näherführen. Noch hört man aus Moldova eher vom Transnistrienkonflikt oder vom „ärmsten Land Europas“. Seid gespannt, wenn Ihr in 20 Jahren Nachrichten aus Moldova hört…

Julian Gröger

www.ecovisio.org

www.activeco-program.org

julian@ecovisio.org